
Zertifizierte vs. Konventionelle Palmöl-Plantagen, Quelle: RSPO
Palmöl in der Diskussion
Das Für und Wider eines agrarischen Rohstoffs in der nachhaltigen Lebensmittelerzeugung
Seit 1980 hat sich die auf den Markt gebrachte Rohstoffmenge von Palmöl fast verzehnfacht. Um den Anbau – besonders in südostasiatischen Entwicklungsländern – ist in den vergangenen Jahren eine kritische öffentliche Diskussion entbrannt. Während vor allem lokale asiatische Unternehmen das exponentielle Wachstum des Palmölmarktes vorantreiben, kommt die Kritik an den ökologischen, sozialen wie ökonomischen Konsequenzen für die Lebensgemeinschaften vor Ort vornehmlich aus den westlichen Ländern.
Treiber der Palmöl-Expansion
Für die Expansion der Palmöl-Produktion sind drei Gründe entscheidend:
1. In Lebensmitteln werden Trans-Fettsäuren für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen mitverantwortlich gemacht. Lebensmittelhersteller nutzen nun in westlichen Ländern verstärkt Trans-Fettsäure-freies Palmöl für bestimmte Produkte.
2. Konsum von und Bedarf an Palmöl steigen mit der wachsenden Weltbevölkerung. Palmöl ist in vielen Entwicklungsländern ein zentraler Bestandteil der Ernährung.
3. Palmöl ist aufgrund seiner technologischen Eigenschaften und vielfältigen Einsetzbarkeit für viele Industriezweige eine Alternative zu erdölbasierten Grundstoffen. Der Verbrauch von Palmöl als Zutat für kosmetische und pharmazeutische Produkte sowie als Biokraftstoff und zur Energieerzeugung steigt kontinuierlich.
Herausforderung des Ölpalmenanbaus
Ölpalmen liefern im Vergleich zu anderen Nutzpflanzen der Tropen den größten Ertrag im Verhältnis zur benötigten Anbaufläche. Darüber hinaus gibt es in der Palmöl- und Palmfettherstellung keinerlei gentechnisch veränderte Varianten. Dennoch steht Palmöl in der Kritik. Denn zur Expansion der Anbauflächen mit Ölpalmen begann eine dramatische Waldvernichtung und mit ihr die bedrohliche Dezimierung vieler Arten. Zudem werden durch die Einrichtung neuer Palmöl-Plantagen häufig indigene Gruppen und kleinbäuerliche Gemeinschaften ihrer angestammten Lebensräume und -grundlagen beraubt.
Roundtable on Sustainable Palm Oil – die Lösung?
2003 entstand auf Initiative des WWF der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO). Der RSPO bringt wichtige Palmölerzeuger Südostasiens, Unternehmensvertreter entlang der gesamten Lieferkette und Stakeholder der Hauptverbrauchermärkte in Europa und den USA zusammen, um an Nachhaltigkeitslösungen zu arbeiten.
Doch auch der Runde Tisch wird kritisiert: Westliche Lebensmittelhersteller mögen zum Kauf nachhaltigen Palmöls bereit sein. Allerdings beziehen sie ohnehin nur einen kleinen Teil der Weltproduktion. Die Mehrzahl der Käufer aus weniger umweltbewussten Schwellenländern wie Indien oder China, die mehr und mehr Palmölvolumen abnehmen, muss ebenfalls motiviert werden, an nachhaltigen Konzepten mitzuwirken.
Während der RSPO sich als Kompromiss zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlichen Interessen sieht, zweifeln Kritiker die Umsetzbarkeit eines nachhaltigen Ölpalmenanbaus angesichts der andauernden Abholzung oder sozialen Konflikte an. Das ist aber weder ein spezifisch asiatisches Problem noch ein ausschließliches des RSPO. Auch beim Bio-Palmölanbau ist es zum Konflikt um die mögliche Vertreibung von Bauern im kolumbianischen Las Pavas gekommen.
Nachhaltigkeit nur durch Mitwirkung aller Akteure
Palmöl und Palmkernfett sind ein gutes Beispiel für die weitreichenden komplexen Herausforderungen im Zusammenhang mit tropischen Rohstoffen. Die Mitwirkung von Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft an der Steuerung der Wertschöpfungskette kann die Umsetzung ökologischer und sozialer Richtlinien und Verordnungen vorantreiben.
Innerhalb weniger Jahre hat der Runde Tisch eine beeindruckende und breite Koalition von Branchen und Länderregierungen versammelt, die die Anerkennung des Nachhaltigkeitsproblems bei der Palmölproduktion eint. Keiner anderen demokratischen Einrichtung ist es soweit gelungen, alle Teilnehmer und Akteure der Palmöllieferkette unter einem Dach zu versammeln und auf einen – wenn auch verbesserungswürdigen und -fähigen – Standard zu verpflichten. Dazu braucht es auch die Mitwirkung der nationalen Regierungen in den Anbauländern. Ohne sie und auch ohne die Schwellenländer wie Indien und China wird es keine nachhaltigen Lösungen geben können.
Westliche Lebensmittelhersteller benötigen Rohstoffe, die sie verlässlich zurückverfolgen können. Das zwingt zu mehr Transparenz, als das bislang zumeist genutzte „Book and claim“-Modell liefern kann. Die RSPO-Zertifizierung muss konsequent weiterentwickelt werden.
Daneben existieren jetzt Alternativen wie der SAN-Standard der Rainforest Alliance und ihrer Partner im Sustainable Agriculture Network. Auch die Initiative verschiedener Unternehmen, die mit dem WWF und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein „Forum für nachhaltiges Palmöl“ gründet haben, soll die vom RSPO definierten Kriterien weiterentwickeln und ergänzen.
Autoren:
Dr. Juliane Reinecke, Warwick Business School, Coventry
Oliver von Hagen, International Trade Center (UN/WTO), Genf
Dr. Stephan Manning, College of Management and Marketing, University of Massachusetts, Boston
Quelle: Wissenschaftlicher Pressedienst "LCI Moderne Ernährung heute" (Mai 2011)
Weitere Informationen finden Sie unter: www.lci-koeln.de und www.suessefacts.de




































