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Nachhaltigkeit im Kakaosektor - Bestandsaufnahme, Herausforderungen
Wiederkehrende Diskussionen über soziale Fragen wie missbräuchliche Kinderarbeit in den Kakao anbauenden Ländern überschatten den ungetrübten Genuss von Schokolade. Dabei greift diese Debatte zu kurz, denn die tropische Kakaowirtschaft leidet unter einer Vielzahl von miteinander vernetzten Problemen.
Um diese zu lösen und in Ermangelung an einer international rechtlich-bindenden Regelung, haben sich im Kakaosektor zahlreiche private und Multi-Stakeholder-Initiativen formiert, die auf größeren wirtschaftlichen Wohlstand und Fairness, soziale Gerechtigkeit in den Erzeugerländern, soziale Verantwortung und ökologische Nachhaltigkeit entlang der globalen Wertschöpfungskette abzielen.
Herausforderungen im Kakaoanbau
In den 1970er und 1980er Jahren trieben staatliche Entwicklungsprogramme der Industriestaaten den Ausbau von Anbauflächen für Kakao in Westafrika voran. Waldregionen wurden abgeholzt, um Kakao-Monokulturen als Leiteinnahmequelle zu etablieren. Aus der Erschließung von Anbauflächen bei gleichzeitiger Vernachlässigung einer guten agrarischen Praxis resultierten verstärkt arttypische Krankheiten, Ernteausfälle und zudem Streitigkeiten um Land und Rechte, z. B. Besitzverhältnisse, die teils bis heute fortdauern. Vor allem afrikanische Anbaugebiete leiden häufig unter politischer Instabilität, was sich auch auf die Kakaowirtschaft negativ auswirkt.
In Westafrika, der wichtigsten Kakaoanbauregion, bestellen Kleinbauern durchschnittlich 3 bis 4 Hektar Land und müssenin der Regel eine achtköpfige Familie versorgen. Der allgemeine Bildungsstand in diesen Familien ist oft unzureichend. Fehlende Finanzmittel und eine schlechte Infrastrukturmachen vielen Kindern den Schulbesuch unmöglich. In der Elfenbeinküste sind des weiteren Gesundheitsvorsorge und ärztliche Betreuung sowie der Zugang der Dörfer zu den Kakaomärkten des Landes kaum gewährleistet.
Die Summe dieser strukturellen Probleme bedingt den teils anzutreffenden missbräuchlichen Einsatz von Kindern auf Kakaofarmen. Um die schlimmsten Formen der Kinderarbeit in Teilen Westafrikas zurückzudrängen, schloss die Kakaoindustrie2001 ein Abkommen. Das Harkin-Engel-Protokoll sah u. a. vor, bis Juli 2005 einen Standard für eine Zertifizierung, die den Verzicht auf missbräuchliche Kinderarbeit belegt, zu entwickeln. Trotz zahlreicher Hürden, die die Umsetzung verlangsamen, sieht die Industrie vielfältige Fortschritte.
Förderung von Nachhaltigkeit
NGOs, westliche Unternehmen und Entwicklungsorganisationen haben eine Vielzahl von Initiativen wie Nachhaltigkeitsstandards, Programme zum Aufbau von Kapazitäten und gegen missbräuchliche Kinderarbeit zur Förderung eines sozial verantwortlichen und umweltverträglichen Kakaoanbaus gegründet. Einige Verarbeiter und Händler haben Programme eingeführt, um Bauern in Produktionsmethoden und dem nachhaltigen Einsatz von Ressourcen zu schulen. Außerdem wurde von der Internationalen Kakao-Organisation (ICCO) 2007 der Runde Tisch für eine Nachhaltige Kakaowirtschaft (RSCE) mit Vertretern der wichtigsten Stakeholdergruppen eingeführt. Ziel ist die Einrichtung eines partizipatorischen und transparenten Prozesses hin zu wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit in der Kakaowirtschaft.
Obwohl spezielle Programme gegen missbräuchliche Kinder- und Zwangsarbeit dazu beigetragen haben, diese Praktiken zu verringern, ist z. B. der Kinderhandel noch nicht systematisch unterbunden worden. Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) weist jedoch darauf hin, dass die missbräuchliche Kinderarbeit eher Symptom als Ursache ist und sich auch nicht auf nur eine Industrie beschränkt. Will man ihr erfolgreich begegnen, braucht es die Unterstützung und das vereinte Handeln aller gesellschaftlichen Kräfte.
Das neue Internationale Kakaoabkommen: eine nachhaltige Lösung?
Während freiwillige private und Multi-Stakeholder-Initiativen Fortschritte bei der Verbesserung der Einkommenschancen für Kakaobauern und der Bekämpfung der Zwangsarbeit erzielt haben, wird kritisiert, dass die aktuellen Initiativen zu langsam seien. 2010 wurde ein neues Internationales Kakaoabkommen geschlossen, nachdem das vorherige ausgelaufen war. Es solldie Kooperation zwischen exportierenden und importierenden Mitgliedsländern stärken und den Kapazitätsausbau fördern.
„Faire“, marktgerechte Kakaopreise, sollen Bauern bessere Einkommenschancen ermöglichen. Dabei sind keine Preis- oder Volumengarantien im Abkommen enthalten. Ein höherer Ernteertrag sowie eine Diversifizierung agrarischer Erzeugnisse,können Optionen sein, um die Abhängigkeit von nur einer Frucht zu verringern. Der globale Bedarf an Rohkakao wird weiterhin steigen. Somit wird es immer wichtiger, dass Kakaoin stabil guter Qualität und in bedarfsdeckenden Mengen von Bauern angeboten wird, deren Existenz langfristig gesichert ist.
Download: WPD 1/2012
Autoren:
Prof. Dr. Reinhard Matissek, Köln, Deutschland
In Zusammenarbeit mit:
Dr. Juliane Reinecke, Coventry, UK
Oliver von Hagen, Genf, Schweiz
Dr. Stephan Manning, Boston, USA



































